DDR-Kindheit
antichronologisch sortiert
Blogbeitrag vom 23. März 2025
DDR-Kinderkuren - ein kollektives Trauma
„Ein kollektives Trauma wie das der Kurkinder in der DDR kann nicht aufgearbeitet werden, wenn es keine gesellschaftliche, mediale, rechtliche und politische Unterstützung gibt.“
— Ulrike Tabor (Riike)
Entstanden im März 2025

Blogbeitrag vom 16. Mai 2024
Interview: „Ich kann mich nicht erinnern" - die DDR-Kinderkuren und ihre Folgen // Eastplaining. Der Ostblog
Blogbeitrag vom 23. Dezember 2023
Politik des Staates
Kinderkur in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR)
Die Politik des Staates
packte mich, wo ich nun bin;
den Kampf des Überlebens angetreten.
Doch Lebenskraft, die einst mir galt,
verliert sich ausweglos im Strudel des Leids
jener tätlichen Kälte der Vergangenheit.
Das Trauma sprengt den Körper;
mit Schmerzen ohne Halt
pocht es an den Nervenbahnen.
Alpträume ruhen mich aus,
schreibend, den Schlaf vermeidend
im Warteraum nach Nähe.
Ein politisch kaputtes System
zerriss meine kindliche Identität;
bleibend sein ungeheuer Schmerz.
— Ulrike Tabor (Riike)
Entstanden im Dezember 2023
Blogbeitrag vom 21. Oktober 2023
Fern der Geborgenheit
Kinderkur in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR)
Was nützt es dies Wissen,
dass du mich liebst?
das zensierte Wort
ein spärlicher Brief
an einem kalten Ort
Was nützt es zu wissen,
dass du mich liebst?
das Medikament im Tee
ein verlorenes Kind
mit elendem Heimweh
Was nützt es mein Wissen,
dass du mich liebst?
die seelische Pein
ein finanzieller Gewinn
dein fehlendes Sein
Was nützt all das zu wissen,
dass du mich liebst?
Erlöse meine Not
Hol mich schnell
Durchtrenne das Verbot
Lass mich nicht im Stich
Nimm meine Hand
Drücke sie und sprich:
Ich liebe dich!
— Ulrike Tabor (Riike)
Entstanden im Oktober 2023
Blogbeitrag vom 15. April 2014
Meine Heimat - Ein Bilderbuch
Erinnerungen an die Kindheit in der DDR
Meine Heimat ist ein Blumenbeet,
auf der der Wind vom Westen weht.
Meine Heimat ist ein Pflasterweg,
auf dem ein Schild „Betreten verboten“ steht.
Meine Heimat ist ein braches Land,
Schutt und Asche war hier einst eine graue Wand.
Meine Heimat, das ist ein Hauseingang mit einer buntgemalten Zahl,
dessen Schlüssel man mir gab und wieder stahl.
Meine Heimat ist verschwunden,
mit ihr hab ich die Kindheit überwunden.
Meine Heimat, das sind Lieder, die den Frieden besingen,
nicht wissend, dass woanders die Kriege beginnen.
Meine Heimat, das ist der Marsch mit einer blauen Fahne,
deren Bild der weißen Friedenstaube ich voller Stolz in der Menge in die Höhe trage.
Meine Heimat, das ist ein Appell: „Seid bereit, immer bereit!“
und auf dem Rummel das Kettenkarussell.
Meine Heimat ist eine riesige Geschichtenzuckertüte,
mit Süßigkeiten gefüllt, die ich wie einen Augapfel hüte.
Meine Heimat, das ist die Hexe Babajaga und die Flimmerstunde,
meine Heimat, das sind Kastanienblätter und Schwalben in der Heimatkunde.
In meiner Heimat erzählt mir Vati von dem Leben in der Kaserne,
meine Heimat ist die Fibel und das ABC, das ich in der ersten Klasse in schönster Schreibschrift erlerne.
In meiner Heimat schaue ich auf die Märchentapete in meinem Kinderzimmer, die kleine Hex kommt immer früh um sechs,
und dass man das Wort „Neger“ nicht sagt, davon habe ich keinen blassen Schimmer.
In meiner Heimat schaufel ich durch ein kleines Fenster Kohlen in den Keller,
im Frühling pflanze ich mit Mutti Krokusse um einem Baum und ess’ die Teewurststulle immer vom gleichen Teller.
In meiner Heimat werfe ich Steinchen und male auf der Straße Kästchen mit Kreide,
in meiner Heimat trägt mein Bummibär ein Taschentuch als Kopftuch und schaut zu, wie ich mich zum Fasching als Katze verkleide.
In meiner Heimat höre ich heimlich unter der Bettdecke die Musikkassette,
in den Büchern laufen Angsthase und der kleine Ulli und Hase und Igel um die Wette.
In meiner Heimat renne ich mit den Nachbarskindern durch das ganze Haus,
wir klingeln an jeder Tür, wir panschen im Hof im Matsch und räumen auf dem Dachboden die Wäschekörbe aus.
In meiner Heimat laufe ich unentwegt ins Versteck,
ich zerstör’ das doppelte E und die russischen Kinder nebenan sagen zu uns immer nur „nijet“.
In meiner Heimat spiele ich am Stromhäuschen mit anderen Kindern Länderklauen,
wir werfen uns Stöcke zu, ich erobere die Sowjetunion und meine Schwester und ich wollen jeden Tag Bude bauen.
In meiner Heimat springe ich von der weißen dritten Stufe des Klettergerüsts,
meine Freundin und ich hängen in der Affenschaukel und mein bester Kumpel zeigt mir in einem Buch, wie man sich küsst.
In meiner Heimat kriechen wir zum Besuch der Nachbarn unter Zäune,
bevor wir zum Essen hochgerufen werden, klettern wir noch auf die höchsten Bäume.
In meiner Heimat radel ich mit Vati zum Baggersee,
wir bauen Kleckerburgen aus Sand, essen Äpfel und trinken lauwarmen Hagebuttentee.
In meiner Heimat füllt man mir Sirup und Wasser in eine Plasteflasche mit blauem Deckel für den Wandertag,
in meiner Heimat verlasse ich in der zweiten Klasse für eine sechswöchige Kur Familie und Freunde und da zählt es nicht, dass ich Kohlrabi nicht mag.
In meiner Heimat stapel ich auf dem Schulweg Regenwürmer zusammen mit Lena,
in der dritten Klasse bekomme ich den ersten Leichtathletiktrainer.
In meiner Heimat bastel ich im Musikunterricht Kraniche für Hiroshima,
beim Singen übertrete ich die vorgezeichnete Linie auf dem Boden zum Ärger der Lehrerin immer und immer wieder.
In meiner Heimat laufe ich über Hürden im Sport,
ich mach mit, ich mach’s nach, ich mach’s besser, auch wenn ich es nicht mag, schickt man mich bis zur vierten Klasse in den Hort.
In meiner Heimat gehe ich mit meinen Kameraden von Tür zu Tür,
für den Klassensieg sammeln wir leere Flaschen und Altpapier.
In meiner Heimat bewerfen wir uns in der Schule mit Erbsen in der Mittagspause,
in meiner Heimat kaufe ich mir mit fünf Pfenningen ein Waffelblatt mit einer Kugel Eis und rolle dann mit meinem grünen Roller an der Kaufhalle entlang allein nach Hause.
In meiner Heimat wird fleißig in mein Muttiheft notiert,
ich trinke Schokomilch aus Flaschen mit Aluminiumdeckeln und bin von der Auswahl zwischen Erdbeer- und Vanillegeschmack irritiert.
In meiner Heimat packe ich meinen Ranzen,
in meiner Heimat kann ich auf Festen mit allen Annemarie Polka tanzen.
In meiner Heimat habe ich in Ordnung und Betragen eine zwei,
ich verliebe mich in Ferdinand, Achim und Kunibert und wünsche sie mir in meinen tiefsten Träumen herbei.
In meiner Heimat drücke ich mit meinem Finger den Fernseher an,
ich starre aufs Testbild, und eine Fliege läuft über die farbigen Kästchen auf der Glasscheibe entlang.
In meiner Heimat wird mit der Sense das Gras abgeschlagen,
mit Opa füttere ich die Kaninchen, die am trockenen Mischbrot nagen.
In meiner Heimat gehe ich in den Tierpark und in die Tropfsteinhöhle,
in meiner Heimat sammle ich Eicheln und gebe sie dem Förster und passe auf, dass ich die Rehe beim Mittagschlaf nicht störe.
In meiner Heimat fahre ich zu Oma im Trabant, um Kalten Hund zu essen,
in meiner Heimat hat den Besuch kein Telefon vergessen.
Meine Heimat, das sind frische Pilze aus dem Wald an der Baumwollschnur,
neben der Holzvertäfelung steht auf den Regalen das Kompott für Sonntag auf dem Flur.
Meine Heimat, das sind die Küken meiner Tante,
wie sie unter roten Lampen kuscheln und quieckend über die anderen tuscheln.
Meine Heimat, das ist die Wiener vom Fleischer und das Brötchen vom Bäcker,
meine Heimat ist die Kuckucksuhr als Wecker.
Meine Heimat ist das Reisen durch das eigene Land,
der Sandkasten ist die Muschel am Meeresstrand.
Meine Heimat wurde mir entzogen,
die weiße Friedenstaube ist weggeflogen.
Das Kapitel wurde zugeschlagen.
Meine Heimat ist ein Bilderbuch,
dorthin geh’ ich manchmal zu Besuch.
— Ulrike Tabor (Riike)
Erste Fassung entstanden im April 2014
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